Eigentlich braucht man über Genetik und Zellbiologie als Normalmensch nix zu wissen. Übrigens wie ein Löwe: Der isst halt gscheit und bewegt sich viel. Daher muss er in der Regel kein Biochemiebuch gelesen haben, um einigermasson gesund durchs Leben zu kommen.
Das genetische Mismatch
Bei uns Menschen ist das ein bisschen arg diffiziler geworden. Seit der Sesshaftwerdung des Menschen vor wenigen Tausend Jahren ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Intensiviert hat sich das im vergangenen Jahrhundert, wo sich unser Ernährungs- und Bewegungsverhalten noch einmal drastisch verändert hat.
In der Wissenschaft spricht man von «Mismatch» zwischen unseren modernen Lebensstilen und unserer genetischen Ausstattung, die noch relativ archaisch ist. Resultat unter anderem: Zivilisationserkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, im weiteren Sinne aber auch Depression und dergleichen.
Wer gesund werden oder sein will, sollte sich also am Motto «Back to the Roots» orientieren – natürlich nicht durch Kopieren, sondern durch Emulieren.
PGC-1α – das magische Mito-Gen
Ein besonderes Gen, das alle Lebewesen bis hin zum Einzeller in der gleichen oder in ähnlicher Ausführung haben, nennt sich PGC-1α. An der Stelle können wir an die Eingangsworte dieses Newsletters anknüpfen: Man braucht als Laie in der Regel nichts zu wissen, aber PGC-1α darf man kennen – ausdrücklich erwünscht!
Denn PGC-1α ist ein Protein, das als «Zellschalter» fungiert, indem es hauptverantwortlich die Zahl und Funktion unserer Mitochondrien reguliert.
Unsere Mitochondrien, also die «Kraftwerke unserer Zellen», bestimmen nicht nur, wie viel Energie wir im Alltag haben und wie leicht wir den Berg hochstrampeln. Sie sind auch essenziell für unsere Fettverbrennung, schützen uns also vor Stoffwechselerkrankungen und sind in einer Vielzahl an gesundheitlichen Prozessen involviert.
Kurzum: Willst du gesund und leistungsfähig sein, brauchst du gesunde Mitochondrien.
Gesundheit und Leistungsfähigkeit «machen»
Hier kommt die Krux: Das kriegt man in der Regel nicht geschenkt. Dafür muss man sich ein bisschen Mühe geben.
Übergewicht schädigt die Mitochondrien. Und Bewegungsmuffel haben nachweislich erheblich weniger und funktionalere Mitochondrien – faule Menschen machen also auch ihre Mitochondrien faul. Und wer seine Mitos nicht mit Nährstoffen versorgt, schadet ihnen wie ein Aquariumbesitzer, der seine Fische nicht füttert.
Wir dürfen uns an der Stelle selbst ein bisschen auf die Schulter klopfen. Denn schon 2014 haben wir in unserem «Handbuch zu Ihrem Körper» (damals übrigens Amazon-Bestseller) ganz ausführlich über PGC-1α berichtet, lange bevor es in deutschsprachigen Medien überhaupt erwähnt wurde. Und genau in diesem Buch postulierten wir auch:
Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind oft eins!
Das hatten wir unter anderem mit diesem Protein begründet, durch die Tatsache, dass PGC-1α die grosse Schnittstelle zwischen Gesundheit (z. B. frei von Diabetes) und Leistungsfähigkeit (z. B. ermüdungsresistente Muskulatur) ist.
Zwei neue Studien zu PGC-1α
Bestätigt wurde das soeben einmal mehr in zwei sehr, sehr spannenden Studien.
In der europäischen Fachzeitschrift für angewandte Physiologie erörtern chinesische Sportwissenschaftler, wie kombinierte Sportmodi aus Ausdauertraining plus Krafttraining unterschiedliche Signalwege ansprechen, die über PGC-1α zu einer noch besseren Mito-Funktion führen als durch die jeweilige Sportarten alleine (1).
Das heisst, wenn du um den See läufst und danach noch Kniebeugen machst, profitieren deine Mitochondrien – und somit du – doppelt!
Dass PGC-1α wirklich ein magisches Protein ist, zeigt eine weitere, soeben veröffentlichte Studie: Menschen, die unter anderem ein besonders aktives PGC-1α geerbt haben, verloren unter einem achtwöchigen Ausdauerprogramm mehr als doppelt so viel Gewicht wie die Vergleichsgruppe ohne die aktive Genvariante (2).
Auch wenn man sich nicht zu den genetisch Beglückten zählen kann – wir wissen das glücklicherweise sowieso nur nach einem Gentest –, legen die Resultate nahe, dass es sehr sinnvoll ist, das PGC-1α allgemein immer schön aktiv zu halten.
Die zwei neuen Erkenntnisse
Und an der Stelle schliesst sich der Kreis:
- Das beste Mittelchen für ein sehr aktives PGC-1α ist Sport, natürlich. Und, wie wir gelernt haben, am besten verschiedene Sportarten.
- Ein weiterer mächtiger Hebel ist ein etwas reduzierter Kohlenhydrat- bzw. Kaloriengehalt in Verbindung mit viel Protein – auch das macht PGC-1α deutlich aktiver, zeigt jedenfalls eine Studie an jüngeren Männern (3).
- Phytonährstoffe wie Polyphenole und Ballaststoffe sind auch wahre PGC-1α-Aktivatoren (4,5).
- Und nur dank Nährstoffen wie Vitamin B3 kann PGC-1α überhaupt aktiv werden.
Bleibt zu konstatieren: Mach's wie der Löwe, dann wird's auch was mit den Mitochondrien. Man kann es, ganz modern, auch einfach edubily-Programm (est. 2014) nennen. :-)
Quellen
- Zhao YC, Gao BH. Integrative effects of resistance training and endurance training on mitochondrial remodeling in skeletal muscle. Eur J Appl Physiol. Oktober 2024;124(10):2851–65.
- Chung HC, Keiller DR, Waterworth SP, McManus CJ, Roberts JD, Gordon DA. Genotypic Variations Associated with Changes in Body Mass in Response to Endurance Training. Res Q Exerc Sport. 18. September 2024;1–11.
- Furber M, Anton-Solanas A, Koppe E, Ashby C, Roberts M, Roberts J. A 7-day high protein hypocaloric diet promotes cellular metabolic adaptations and attenuates lean mass loss in healthy males. Clin Nutr Exp. 1. August 2017;14:13–25.
- Chodari L, Dilsiz Aytemir M, Vahedi P, Alipour M, Vahed SZ, Khatibi SMH, u. a. Targeting Mitochondrial Biogenesis with Polyphenol Compounds. Oxid Med Cell Longev. 2021;2021:4946711.
- Mohamed AB, Rémond D, Gual-Grau A, Bernalier-Donnadille A, Capel F, Michalski MC, u. a. A Mix of Dietary Fibres Changes Interorgan Nutrients Exchanges and Muscle-Adipose Energy Handling in Overfed Mini-Pigs. Nutrients. 23. November 2021;13(12):4202.