
Ernährung
CO2: Eier essen noch okay?
Ein kritischer Blick auf die CO2-Bilanz von Eiern und die Rolle des Individuums. Warum die Zahlen in Relation gesetzt werden müssen und wie unreflektiert die aktuelle Debatte läuft.

Ernährung
Ein kritischer Blick auf die CO2-Bilanz von Eiern und die Rolle des Individuums. Warum die Zahlen in Relation gesetzt werden müssen und wie unreflektiert die aktuelle Debatte läuft.
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Wenn man sich zum ersten Mal so richtig mit grossen Zahlen befasst, kann einem schwindlig werden. Im Alltag haben wir nämlich meistens nicht mit grossen Zahlen zu tun.
Da fragen wir uns eher, ob es zwei oder drei Äpfel im Einkaufswagen sein dürfen. Kaufen wir uns ein Haus, wird dem einen oder anderen schon mal flau im Magen. Die allermeisten Menschen haben es im Leben nicht mit noch grösseren Zahlen zu tun.
Wenn wir aber z. B. über die Schweiz sprechen, schnellen die Zahlen massiv in die Höhe. Denn alles, was wir als Individuum tun, multipliziert sich plötzlich um den Faktor 9'000'000!
Selbst diese Zahl ist für uns kaum noch zu (be)greifen. Die Dimensionen, die danach kommen – also auf Weltebene – sind noch viel, viel, viel unglaublicher.
Daher kann man sie fast verstehen, die Journalistin Merlind Theile, die in einem Artikel auf ZEIT ONLINE die Frage stellt, ob man Eier noch guten Gewissens essen könne. Das wiederum ist Teil der Serie «Klima-Ausreden» der ZEIT, in der «regelmässig die beliebtesten Ausreden zum Klimaschutz überprüft werden».
Oh je, oh je. Diese «Prüfung» sieht bei Frau Theile wie folgt aus:
«Fleisch zu essen, ist schlecht fürs Klima. Das sollte mittlerweile bei jedem angekommen sein. Doch was ist mit Eiern?» (...)
Die seien «für das Klima belastender als die Produktion vieler pflanzlicher Nahrungsmittel: Pro erzeugtem Kilo Eier fallen bis zu 2 kg CO2-Äquivalente an. Mit insgesamt 19,3 Milliarden verzehrten Eiern in Deutschland im Jahr kommt da einiges zusammen».
Verknüpft wird diese sehr grosse Zahl mit der emotionalisierenden Randnotiz, dass männliche Küken einfach aussortiert und zermahlen würden.
Fakt ist: 19,3 Milliarden ist eine riesige Zahl, mit der wir Normalmenschen nix anfangen können. Ist es überhaupt okay, so zu argumentieren?
Nein – und der Grund dafür ist, dass der Mensch und seine Gedankenwelt nur in Relationen funktioniert. Man kann Menschen nicht einfach irgendwelche Zahlen hinwerfen, um Grössen zu verdeutlichen, wenn man ihnen zeitgleich nicht einen Bezugsrahmen zur Verfügung stellt.
Und der sieht mit Blick auf Eier so aus: Ein Ei wiegt etwa 50 g. Pro kg Ei fallen in der Produktion ca. 2 kg CO2 an. Ein Ei mit 50 g macht also 100 g CO2. Rechnen wir das auf die Schweiz herunter: Hierzulande werden pro Jahr rund 1,8 Milliarden Eier konsumiert. Das macht also etwa 180'000 Tonnen CO2 für sämtliche Eier zusammen.
Die Schweiz emittiert jährlich rund 45 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Inland (Konsumfussabdruck inkl. Importe: ca. 105 Mio. Tonnen). Selbst beim engeren Inlandwert macht der Eikonsum nach Adam Riese gerade einmal etwa 0,4 % aus.
Wir haben also eine für uns gar nicht greifbare, überdimensionierte Zahl in ein Verhältnis gesetzt. Und können nun erst mal verstehen, welchen Impact der Eikonsum mit Blick auf CO2-Emissionen überhaupt hat. Nämlich quasi keinen.
Also, um es nochmal ganz klar zu sagen: Der Eikonsum einer durchschnittlichen Schweizerin oder eines durchschnittlichen Schweizers macht bei der persönlichen CO2-Bilanz einen Promillebereich aus!
Wer sich mit CO2-Emissionen befasst, wird feststellen, dass auch die Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten ihre Inlandemissionen deutlich gesenkt hat.
Das ist gut. Aber: Das wurde vorrangig über den Sektor Industrie und vor allem Energiewirtschaft erreicht. Der Hintergrund ist, dass beide Sektoren für einen erheblichen Teil der Gesamtemissionen verantwortlich sind. Eine substantielle Reduktion in diesen Sektoren macht eine substantielle Gesamtreduktion.
Auch aus der Meta-Ebene ergibt das Sinn: Um überhaupt eine positive CO2-Bilanz zu haben, muss etwas freigesetzt werden, was vorher nicht da war. Und das passierte viele Jahrzehnte vorrangig über die Energiebereitstellung aus Kohle, Öl und Gas – CO2, das im Boden gespeichert war und sprunghaft freigesetzt wurde.
Schlüsselt man die Statistik zur Schweizer Gesamtemission fürs Individuum auf, zeigt sich, dass der Sektor Ernährung nur rund 16–21 % an den Emissionen ausmacht. Davon entfällt nur ein Bruchteil auf den aktuellen Fleischkonsum.
Mittlerweile emittiert eine Schweizerin oder ein Schweizer etwa so viel CO2 bei Flugreisen wie beim Konsum von Fleisch. Der weitaus grösste Sektor der persönlichen CO2-Emission ist aber «Konsum» – Bekleidung, Haushaltsgeräte, Restaurantbesuche und so weiter.
Der ökologische bzw. Kohlenstofffussabdruck mitsamt einem CO2-Rechner wurde Mitte der 2000er vom Ölgiganten BP «erfunden». Ganz geschickt, denn damit hat die PR-Abteilung des Unternehmens die Verantwortung aufs Individuum gelenkt.
Und viele von uns tappen in diese Falle. Denn als Individuum hat man keine Chance, durch überdurchschnittlichen Verzicht etwas Bedeutsames für den CO2-bedingten Klimawandel zu tun, selbst dann, wenn wir noch so nachhaltig und öko-bewusst leben.
Dass die Falle zuschnappt, zeigt sich auch daran, dass Journalistinnen und Journalisten – wie von der ZEIT – völlig unreflektiert und mantraartig etwas vorbeten, was einfach nicht stimmt. Weder der durchschnittliche Eikonsum mit 0,25–0,4 % noch der Fleischkonsum mit vielleicht 5 % Anteil an CO2-Emissionen sind verantwortlich für den Klimawandel.
Und genauso wenig wird eine Einzelperson den Klimawandel stoppen, indem sie z. B. darauf verzichtet, eines der gehaltvollsten Nahrungsmittel zu verzehren, die wir Menschen überhaupt auf dem Speiseplan haben: Eier.
Daher: Eigentlich ist es eine Farce und eine Unverschämtheit, dass sich zahlenüberforderte Journalistinnen und Journalisten das Privileg herausnehmen, anderen Menschen zu erklären, was eine «Klimaschutz-Ausrede» ist und was nicht.
Zwar kann sich jemand, der keine Eier und kein Fleisch isst, ganz stolz auf die Schulter klopfen – das macht bei derzeitigem Konsum «immerhin» eine Einsparung von rund 5 %.
Der Bundesrat strebt jedoch bis 2050 Netto-Null an. Eine solche Reduktion verdeutlicht, wie Forderungen und Ideen mit praktischer Relevanz kollidieren.
Übersetzt werden uns diese fürs Klima und für die Klimaziele unbedeutenden Zahlen nämlich stets mit «starker Reduktion der Emissionen bei vegetarischer und veganer Ernährung». De facto hat der hiesige Konsum von Tierprodukten aber quasi nichts mit dem Erreichen dieser Ziele zu tun.
Niemand von uns würde auf die Idee kommen, bei einer Diät zuerst den Apfel vom Speiseplan zu streichen. Wenn es aber um Politik und mehr noch Moral geht, scheint jedes Mittel recht.
Der Mensch muss gehaltvolle Lebensmittel essen – er kann leider nicht von Luft und Liebe leben. Aus Studien weiss man: Die für den Menschen gehaltvollsten Lebensmittel – in der Regel Tierprodukte – erzeugen bei der Herstellung tendenziell mehr CO2.
Leider haben viele Menschen weder das Gespür dafür, solche Zusammenhänge zu verstehen. Noch gelingt es ihnen, Zahlen in einen Kontext einzuordnen.
Genau daraus resultieren grosse Missverständnisse, wie dieser Artikel der ZEIT ONLINE. Man suggeriert den Menschen nicht nur, dass sie sich zum Klimaretter aufschwingen können, wenn sie auf dieses oder jenes verzichten.
Die gebetsmühlenartige Wiederholung, dass Fleisch und Tierprodukte ganz schlimm seien, erzeugt bei vielen Menschen zudem ein Schuldgefühl, das ihnen vielleicht die gehaltvollsten Lebensmittel vom Speiseplan nimmt.
Mit dem Resultat, dass sie sich krank machen. Für nix und wieder nix. Diese Art der Selbstkasteiung ist alles andere als gesund – und vielleicht als eine Spiegelung des Inneren jener Menschen zu verstehen, die uns das vorbeten.
Zum aktuellen Blog-Beitrag, der sich mit diesem Thema befasst, geht's hier.