
Genetik
Iss für den Muskel!
Deine Muskelfasern bestimmen, wie dein Körper Energie verstoffwechselt. Erfahre, warum es keine universelle Ernährung gibt und wie du die optimale Nährstoffzufuhr für deinen Körper findest.

Genetik
Deine Muskelfasern bestimmen, wie dein Körper Energie verstoffwechselt. Erfahre, warum es keine universelle Ernährung gibt und wie du die optimale Nährstoffzufuhr für deinen Körper findest.
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Wenn es um Ernährungstrends geht, kann man sich in der Regel getrost zurücklehnen. Grund hierfür ist, dass alles, was wir tun, eine «Evolution» durchläuft: Dinge, die «passen», setzen sich durch. Drum gibt es eben (Ernährungs-)Trends. Heute top, morgen flop.
Diese Dinge setzen sich deshalb nicht durch, weil uns unsere Biologie im Wege steht. Paleo z. B. ist ein gutes Template – aber viele Europäer können aus genetischen Gründen eben nicht mehr leben wie ein afrikanischer Ureinwohner. Geht nicht. Spannen wir den Bogen mal zu Kohlenhydratarmut. Tenor der Anhänger kohlenhydratarmer Diäten ist, man müsse nur den Fettstoffwechsel «umprogrammieren», dann würde man automatisch sehr viel mehr Fett verbrennen.
In der Tat kann man davon ausgehen, dass ein Mensch, mit viel Gewalt – z. B. bei Nahrungskarenz –, in einen Notstrom-Stoffwechsel kommen kann, der eben einher geht mit einer globalen, sprich körperweiten Hochregulierung der Fettverbrennungsenzyme. Ähnliches wurde bei ketogenen Ernährungsformen beobachtet. Zum einen sollte man den relativen Anteil der Fettverbrennungsenzyme nicht verwechseln mit der absoluten Menge, die man an Hüftspeck verliert.
Aber noch viel wichtiger ist die Frage, ob man sich in einen solchen Stoffwechsel zwingt oder ob das mehr oder weniger der normale Modus des Individuums ist.
Gehen wir nämlich mal beispielsweise auf die Ebene der Muskelfaser-Zusammensetzung einzelner Menschen – der Ort, wo Energie im Körper hauptsächlich verbrannt wird –, die zu weiten Teilen genetisch vorprogrammiert ist (dazu gleich mehr), fällt auf, dass es hier gravierende Unterschiede gibt.
Es gibt viel Variation, trotzdem lassen sich drei verschiedene Fasern unterscheiden:
Freilich lassen sich die Fasern teilweise ineinander überführen, es gibt also Spielraum für Plastizität, sprich Veränderbarkeit. Allerdings sollte man sich immer vor Augen führen, dass man metabolisch, also auf Ebene des Stoffwechsels, als auch auf Ebene der kontraktilen Proteine bzw. Eigenschaften, eine gewisse genetische Voraussetzung mitbringt. Wer wissen will, mit welchen Fasern er eher ausgestattet ist, kann sich ja mal vor Augen führen, welche Sportart er am liebsten ausführt. Das sollte eine gute Näherung geben.
Wie dem auch sei. Mal ein Beispiel: Aus der Sportwissenschaft ist bekannt, dass gerade westafrikanische Menschen bzw. Menschen mit westafrikanischer Abstammung einen sehr hohen Anteil an schnellen, grossen Typ-II-Fasern haben. Es ist kein Zufall, dass von dort wohl mit die besten Sprinter der Welt kommen bzw. warum gerade diese Menschen ein ungemein hohes Hypertrophie- sprich Wachstumspotenzial beim Muskel zeigen.
ABER: Studien zeigen immer wieder, dass diese Menschen im Vergleich zu einer nicht-afrikanischen Kontrollgruppe auch ein erhöhtes Diabetes-Risiko zeigen, weil diese Muskeln sehr schnell überfordert werden, wenn aufgrund eines Übergewichts oder einer zu hohen Energiezufuhr zu viele Fette in den Muskel gelangen. Diese Typ-II-Fasern können die Mehrbelastung nicht gut puffern, weil die grundsätzliche Substratpräferenz glykolytisch, sprich Glukose ist – bzw. nur eine geringe Kapazität besteht, Fette zu verbrennen.
Solche Fasern schaffen aufgrund dieser metabolischen Voraussetzungen weder grosse Mengen Kohlenhydrate weg (es sei denn, man ist Sprinter), noch Fette. Das resultiert in einem deutlich erhöhten Risiko für Stoffwechselerkrankungen. Solche Fasern brauchen also...
Wer solche Fasern nun mit einer ketogenen bzw. fettbasierten Ernährung «umerziehen» will, riskiert viel, möglicherweise langfristige Schäden. Denn die Anpassungsfähigkeit an so eine Ernährungsform ist extrem limitiert und man verschlimmbessert sehr sicher nur. Es fehlen immer Kohlenhydrate zum optimalen Funktionieren – und Fett wird auch nicht ordentlich verbrannt.
Long story short: Möglicherweise bist du kein Westafrikaner. Aber die Muskelfasern dieser Menschen sind ein sehr gutes Modell, um zu verstehen, warum deine individuelle Faserkomposition grossen Einfluss auf die für dich optimale Ernährungsform hat. Man sollte – wie beim eigenen Kind – niemals etwas erzwingen. Viel mehr sollte man den eigenen Körper so gut kennenlernen, dass man versteht, was er will und was er braucht, und sich danach richten.
Wir machen das oft intuitiv, oft leider maladaptiv – drum setzen sich Trends nicht durch, aber die Bevölkerung bleibt (stoffwechsel-)krank. Der Muskel will dann vielleicht ein paar Kohlenhydrate, wir stopfen uns den ganzen Tag Weissbrot und Nudeln rein. Aus diesem Grund hilft Low Carb anfangs möglicherweise, mittelfristig fehlt dem Körper, dem Muskel was. Analog beim Veganismus: Am Anfang war's das Salamibrot zu viel, mittelfristig fehlt das Hämeisen, das Carnitin etc. aus dem roten Fleisch. Tja...
PS: Das, was dein Körper am Tag am liebsten verbrennt, ist ein Mix aus vielen verschiedenen Gewebetypen. Wir haben uns beispielhaft mal den grössten Energieverbraucher rausgepickt. Logisch ist, dass da noch weitere Variablen miteinfließen...