Mit Kollagen Zahnfleisch heilen?
Uns entgehen viele Wunder. Grund dafür ist, dass wir unseren Horizont begrenzt halten. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus mangelndem Glauben und Vertrauen. Man kann vielleicht sagen: Wir halten unser Leben klein. Die Wissenschaft tut dem heutzutage auch keinen Gefallen. Denn Corona hat deutlich gemacht, dass wir zunehmend zu einer Technokratie werden. Hier sollte man sehr vorsichtig bleiben: Wenn man seine Lebenswirklichkeit so gross (oder klein hält) wie es "wissenschaftliche Erkenntnisse aktuell" zulassen, dann ... gute Nacht. Dann hätte man im Mittelalter ein sehr armes Leben geführt.
Im Gegenteil. Was viele Menschen nicht verstehen: Je mehr man weiss, je mehr man über Wissenschaft und das Leben weiss, umso grösser wird die Faszination im Raum der Möglichkeiten. Man wird wieder klein und offen für die Wunder des Lebens. Das ist doch eine viel schönere Perspektive, oder? Mensch-sein heisst halt auch, bewundern dürfen.
Ich persönlich fühle mich beispielsweise immer komisch, wenn ich beim Zahnarzt sitze. Fühlt sich seltsam an. Gefühlt hat jeder Karies und Zahnfleischschwund. Kann das so sein? Ist das wirklich "normal"? Darüber lässt sich sicher vorzüglich streiten. Was viele nicht wissen: Vor einigen Jahren hat man in bahnbrechenden Studien gezeigt, dass "eine neuartige Methode, bei der Rinderkollagen verwendet wird, die Heilung des Zahnfleischs verbessern kann. Dies führte zu dickeren Rändern um den Zahn und in über der Hälfte der Fälle zu einer vollständigen Abdeckung der freiliegenden Wurzeln." Man hat halt – vereinfacht ausgedrückt – Rinderkollagen von aussen aufs Zahnfleisch geklebt.
Hintergrund: "Das Kollagen scheint in der Lage zu sein, als Gerüst für körpereigene Zellen zu fungieren, die den Schaden reparieren, was zu Ergebnissen führt, die mit denen von Bindegewebstransplantaten vergleichbar sind. Rinderkollagen ist eine mögliche Lösung für Patienten, die nur wenig Spendergewebe zur Verfügung haben oder für die mehrere Operationen nicht in Frage kommen."
Interessant, nicht wahr? Bringt mich zum Grübeln. Zum Beispiel über die Frage, warum bei den meisten von uns das Zahnfleisch abdankt. Kann man ja biologisch erklären. Bakterien wandern immer tiefer in die Zahnfleischtaschen und ... ja, was eigentlich? Damit das Bakterium überhaupt so weit runter kommt und Schaden anrichten kann, müssen zwei Dinge passieren: Erstens muss das Immunsystem (über)reagieren. Das macht dann auch eigenes Gewebe kaputt. Aber zeitgleich, also zweitens, müssen Bakterien Verbindungen lockern, die zwischen Zahn und Zahnfleisch sind. Diese Verbindungen bestehen aus Kollagen. Man kann es auch so ausdrücken: Nur mit Kollagen kann das Zahnfleisch am Zahn kleben bleiben. Bakterien schneiden sich den Weg hier durch mit Kollagenasen, also Kollagen-spaltenden Enzymen.
Bringt uns zu einem nächsten Punkt, über den man nachdenken kann. Es gibt alte Studien an Vorzeit-Menschen, also beispielsweise an Neandertalern. Was da auffällt? Die haben enorm dicke, starke Knochen. Kaum zu glauben vor dem Hintergrund, dass die weder Milch hatten, noch Unmengen an Calcium in der Nahrung. Nein, das Geheimnis bei denen war Bewegung. Starke Belastung. Manchmal auch zu starke Belastung, was dann nicht gut war. Fakt ist aber, damit irgendwo was (nach)wächst, muss man Belastung schaffen, also einen Reiz setzen ("Use it or lose it"). Da denke ich immer an unsere grazilen Zähne, die ja so gar nix mehr mit den Primaten-Zähnen zu tun haben, die wir mal hatten. Wichtig: Der Knochen und die Zähne sind sich sehr ähnlich. Beide nutzen als wesentliche Strukturkomponente Calcium, auch Phosphat – nennt sich dann Hydroxylapatit – und ... Kollagen.
Vielleicht sollten wir, die ja hoffentlich einen gesunden Zahnapparat haben wollen, mal auf fester Nahrung (rohe Rüebli?) statt auf dem Brötchen rumbeissen und danach die Knochenbrühe löffeln oder den Kollagen-Shake trinken? Wer jetzt glaubt, hier würden wieder Geschichten aus dem Paulaner-Garten erzählt, der irrt. Auf einer der renommiertesten amerikanischen Plattformen zum Thema Mikronährstoffe, den meisten bekannt unter examine, steht geschrieben:
Ein durchschnittlicher erwachsener Mensch benötigt fast 15 Gramm Glycin pro Tag, davon 12 g für die Kollagen-Synthese (...) Die Glycinsynthese ist jedoch auf etwa 2,5 g pro Tag begrenzt, was darauf hindeutet, dass der Mensch etwa 12 g Glycin aus der Nahrung benötigt, um den täglichen Stoffwechselbedarf zu decken.
Ich zitiere die nur, weil ... es was zu heissen hat, wenn die da so deutlich werden.
Wir erinnern uns: Glycin ist die häufigste Aminosäure im Kollagen, macht rund ein Drittel der ganzen Masse aus. Glycin kommt da deshalb so abundant vor, weil sie die kleinste Aminosäure ist und die typischen Windungen der Kollagenstränge überhaupt erst ermöglicht. Schon vor einigen Jahren haben Erkenntnisse gezeigt, dass wir es ohne eine Glycin- oder Kollagen-Ergänzung in der Nahrung überhaupt gar nicht schaffen, den Körper so mit Glycin und den Kollagen-Bausteinen zu füttern, dass er immer genug Kollagen selbst bilden kann. Über diesen Satz muss man mal kurz nachdenken, weil der impliziert, dass Falten im Alter (= ein Mangel an Kollagen in der Haut) vielleicht ... unnötig sind?
Und in der Tat: Daten verdichten sich, dass uns täglich mindestens 5 Gramm (= ein Teelöffel Glycinpulver) in der Nahrung fehlen, um unser Kollagen frisch zu halten. Kurzzeitig macht sich das kaum bemerkbar. Aber langfristig? Da denkt man dann an kaputte Zähne und Zahnfleischschwund. An faltige Haut. Und die kaputten Knochen (Osteoporose) – und vieles mehr. Das wiederum würde uns zu Bruce Ames und seiner Triage Theorie bringen, die besagt, dass der Körper zwei Systeme mit Mikronährstoffen bedient: Eins, das dem kurzfristigen Überleben dient. Und ein zweites, das dem langfristigen Wohlbefinden dient. Wir modernen Menschen versorgen hauptsächlich ersteres System. Das zweite bleibt auf der Strecke – Glycin und die Kollagensynthese könnte dafür das Beispiel werden.
Ist das nicht sensationell spannend?