
Immunsystem
Infektionen unbedingt vermeiden?
Nicht alle Infektionen schaden – sie stärken unser Immunsystem und schützen vor Autoimmunerkrankungen. Die Hygiene-Hypothese erklärt, warum Keimkontakt in der Kindheit essentiell ist.

Immunsystem
Nicht alle Infektionen schaden – sie stärken unser Immunsystem und schützen vor Autoimmunerkrankungen. Die Hygiene-Hypothese erklärt, warum Keimkontakt in der Kindheit essentiell ist.
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Moderne Menschen leben oft völlig ohne Gespür für die Wirklichkeit. Ohne Gespür für den Kontext, in dem sie sich entwickelt haben und an dem sie evolutiv angepasst sind.
Infektionen unbedingt vermeiden?
Beispiel: Heute ist der Tenor unter einigen Wissenschaftlern und Experten, die viele Menschen über die (soziale) Medien erreichen, dass jede Infektion vermieden werden sollte.
Denn: «Jede Infektion schadet.» Nimmt uns also. Dass das schlicht unwahr ist, hatten wir in unserem Blog mehrfach eindrücklich dargelegt ([Quelle nicht mehr verfügbar]).
Tatsächlich wurde erst kürzlich gezeigt, dass die Immunität gegenüber einem typischen Erkältungsvirus (Humanes Coronavirus OC43) im Erwachsenenalter davon abhängt, wie robust die Immunität in der frühen Kindheit aufgebaut wurde.
Die Forscher fanden heraus, dass dies wiederum bis ins Erwachsenenalter via Kreuzreaktivität auch vor «dem» Coronavirus zu schützen scheint.
Dafür braucht es aber eine Infektion bzw. den Erregerkontakt. Wer sein Kind zuhause einsperrt, weil man jede Infektion fürchtet – im Glauben daran, dass jede Infektion schadet –, verwehrt seinem Kind den Aufbau einer langfristigen Immunität.
Mehr noch: Der französische Starimmunologe Jean-François Bach legte in einem eleganten Aufsatz, der im Jahr 2018 im renommiertesten Fachmagazin für Immunologie publiziert wurde, dar, dass bekannt sei, dass «Autoimmunerkrankungen in verschiedenen experimentellen Modellen durch die Infektion mit verschiedenen Bakterien, Viren und Parasiten verhindert werden.»
Autoimmunerkrankungen, entzündliche Erkrankungen, Allergien, Asthma, jegliche Form der Immunentgleisung – heute in einem unfassbaren, vielleicht nie da gewesenen Ausmaß stark zunehmend. Kein Zufall.
Verbucht haben Forscher das unter dem Begriff «Hygiene-Hypothese», was – wie Bach darlegt – ja keine Hypothese ist, sondern … na ja, ein gesicherter Zusammenhang.
Wie wenig «Dreck» (Bakterien und Co.) wir heute im Vergleich zu früher abbekommen, erschliesst sich einem auch, wenn man sich mal die simple Frage stellt, wie Menschen früher ohne Kühlschrank leben konnten. Der wurde erst in den 60er-Jahren gängig.
Über «Nahrung vor, während und nach dem Krieg» liest man bei Horst Rübenkamp. Der hat 2016 den gleichnamigen Beitrag in der ZeitZeugenBörse Mülheim an der Ruhr veröffentlicht. Spannend!
Da man Milch nicht kühlen konnte, kam der mobile Milchhändler täglich mit seinem Pferdegespann. «Die Leute kauften die Milch, die sie am Tage verbrauchten». Und dann liest man:
«Es kam trotzdem im Sommer öfter vor, dass die Milch sauer oder dick wurde und nicht mehr zu gebrauchen war. Haltbare Milch, wie es heute üblich ist, kannte man damals auch noch nicht.»
Auch das Brot sei nur einmal im Monat gebacken worden, «ohne zu schimmeln». Über das «Geheimrezept» lässt sich nur spekulieren.
Wer sich in diese Szenarien einfühlt, wird ein Gespür dafür bekommen, wie stark wir heutzutage im Gegenteil leben. Bei uns steht Haltbarmachung im Vordergrund. Quasi in jedem Produkt finden sich Konservierungsstoffe und auch die Milch wird so behandelt, dass sie keine Keime mehr enthalten kann.
Früher muss die Exposition mit Keimen jeglicher Art sehr viel ausgeprägter gewesen sein. Ein drei Wochen altes Brot essen? Die bereits angedickte Milch im Sommer? Und wir müssen heute erst die Bedeutung von Pro- und Präbiotika für die Gesundheit neu entdecken.
Ist Brot nach drei Wochen überhaupt noch das Brot, was wir heute kennen? Oder haben die enthaltenen Milchsäure- und Hefekulturen längst problematische Bestandteile im Weizen abgebaut, so, wie das beim Sauerteig bzw. nach längerer Teigführung üblich ist?
Diese Frage sollte man sich vor dem Hintergrund stellen, dass mittlerweile mehrere Weizenkomponenten erforscht sind, die nachweislich krank machen. Ein Beispiel sind die α-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI).
Das sind verdauungsresistente Proteine – erforscht werden sie u. a. vom Mainzer Professor Dr. Dr. Schuppan. Der hat in Tierstudien gezeigt, dass diese ATI Entzündungen, Insulinresistenz und Fettleber induzieren, Tiere fetter und metabolisch krank machen.
Und zwar in «winzigen Mengen», wie sie in einer herkömmlichen Ernährung bei uns vorkommen. Aber … modernes Weizenmehl hat mit unseren modernen Krankheiten natürlich nichts zu tun ;-)
Das war Thema des aktuellen Blogbeitrags bei uns.
Apropos Brot und Mehl. Das isst der Mensch erst seit der «neolithischen Revolution». Im Wikipedia-Artikel dazu liest man, dass neolithische Revolution ein kontroverser Begriff sei, da es einen schlagartigen Übergang suggeriere. Mittlerweile wisse man, dass sich der Wandel vom Jäger-und-Sammlertum zum Ackerbau langsam vollzogen habe.
Wobei zu bedenken sei, «dass diesen lediglich 5'000 Jahren eine sehr lange Periode der Alt- und Mittelsteinzeit von mindestens 2,5 Millionen Jahren (0,2 %) gegenübersteht.»
Verräterische Zeilen. Hier steht nämlich, dass wir uns erst seit 5'000 Jahren langsam zu einer Agrargesellschaft entwickelten, während wir «mindestens» 2,5 Millionen Jahre lang als Jäger und Sammler gelebt haben – also in 99,8 % unserer Entwicklungszeit als Mensch.
Ohne Weizen und Mehl. Und wir müssen immer darüber diskutieren, ob die Weizenmehlmast in westlichen Gesellschaften «förderlich» für die Gesundheit ist… Moderne Menschen: Oft ohne Gespür für die Wirklichkeit, siehe Anfangszeilen.