
Zahngesundheit
Fluorid: Fluch oder Segen?
Fluorid macht Zähne stark, aber zu hohe Belastungen können Entwicklung und Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen – Kinder brauchen besondere Vorsicht.

Zahngesundheit
Fluorid macht Zähne stark, aber zu hohe Belastungen können Entwicklung und Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen – Kinder brauchen besondere Vorsicht.
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In unserer modernen Welt leiden wir paradoxerweise oft unter unseren zivilisatorischen Fortschritten.
Gutes Beispiel: Zivilisationserkrankungen. Während sich vermutlich 99 % unserer Vorfahren mit regelmässigen Nahrungsengpässen herumschlagen mussten, leiden wir mit kardiometabolischen Erkrankungen (Übergewicht und Co.) unter dem Nahrungsmittelüberfluss.
Es gibt viele Beispiele, wo moderne Errungenschaften zwar einen erheblichen Nutzen bringen, aber eben nicht ohne Kosten für uns bleiben. In der perfekten Welt gelingt es uns, eine ideale Balance zu finden und mit den Trade-offs umzugehen.
Analog dazu könnte man über Fluorid sprechen.
Fluorid ist uns allen ein Begriff. Fluorid ist ein Mineral, das ubiquitär in der Natur vorkommt. Daher nehmen wir es natürlicherweise über die Nahrung und unser Trinken auf. Es reichert sich folglich – wie andere Mineralien – in gewisser Menge im Körper an.
Im Gegensatz zu vielen anderen Mineralien, z. B. Zink, Eisen und Kupfer, ist Fluorid kein essentieller Nährstoff für den Menschen, das heisst, es hat keine biologische Bedeutung. Es gibt keine spezifischen Enzyme, Proteine oder Stoffwechselprozesse im menschlichen Körper, die von Fluorid abhängig sind.
Auf der anderen Seite wissen wir wohl seit unserer Kindheit, dass Fluorid eine Rolle bei der Zahngesundheit spielt. Denn Fluorid lagert sich in Knochen und Zähnen ein. Vor allem im Zahn bildet es das robuste Fluorapatit, das man als eine Art « verbesserten Zahnschmelz » bezeichnen könnte.
Das ist ein zentraler Fakt: Fluorid macht Zähne via Fluorapatit kariesresistenter. Alles darüber hinaus wird … schwierig.
Seit 2015 wird Fluorid als Teil des US-amerikanischen National Toxicology Program (NTP) geführt. Hier werden fortlaufend die gesundheitlichen Auswirkungen untersucht, insbesondere hinsichtlich der entwicklungsbedingten Neurotoxizität und endokrinen Disruption.
Denn:
Inzwischen gibt es weitere Daten, die u. a. negative Effekte von Fluorid auf die Testosteron- und Östrogenspiegel nahelegen. Speziell mit Blick auf die Intelligenz bei Kindern scheint es Meta-Analysen zufolge robuste Zusammenhänge zwischen höherer Fluoridaufnahme und niedrigerem IQ zu geben.
Ausserdem wurde in einer japanischen Querschnittsstudie jüngst gezeigt, dass erhöhte Fluorid-Blutspiegel bei Erwachsenen mit gestörtem Glukosestoffwechsel und verringerter Insulinsekretion assoziiert sind, was das Diabetesrisiko verstärkt.
Halten wir fest: Offenbar herrscht ein schmaler Grat zwischen der Kariesprophylaxe durch Fluorid – und den negativen gesundheitlichen Folgen einer zu hohen Exposition.
Doch wie ist es um die Exposition tatsächlich bestellt?
Häufig werden in Studien Fluoridgehalte des (fluorierten) Leitungswassers mit gesundheitlichen Outcomes assoziiert. Nicht selten werden die Daten dabei mit gemessenen Blut- und Urinwerten abgeglichen.
Erstes Fazit: Das Gehirn scheint besonders sensibel auf Fluorid zu reagieren, mit beschriebenen Wirkungen ab ca. 1–2 mg/l – die Schilddrüse scheint ab 2–4 mg/l zu leiden.
Hier folgt direkt die gute Nachricht: Das Leitungswasser wird in der Schweiz nicht fluoridiert und die wenigsten Mineralwässer enthalten nennenswert hohe Mengen. Zudem gibt es eine Kennzeichnungspflicht für Fluoridgehalte in Mineralwässern über 1,5 mg/l.
Gleichwohl kommt Fluorid ubiquitär in unserem Leben vor, z. B.:
Auch fluoridhaltige Zahnpasta trägt massgeblich zur Fluoridexposition bei. Bei Erwachsenen kann eine einzige Anwendung mehr als 0,5 mg Fluorid freisetzen. Gesundheitlich bedeutsam wird diese Menge jedoch erst, wenn die Zahnpasta verschluckt wird.
Bei Kindern gestaltet sich die Situation etwas kritischer. Es wird angenommen, dass Kinder nahezu die Hälfte des in der Zahnpasta enthaltenen Fluorids aufnehmen, da sie den Grossteil der Zahnpasta verschlucken. Bei Kindern kann fluoridhaltige Zahnpasta also erheblich zur Fluoridbelastung beitragen!
Doch wie real sind die Fluoridbelastungen gemeinhin wirklich? Dies lässt sich anhand des Aufkommens von Zahnfluorosen relativ gut einschätzen. Zahnfluorosen sind Schmelzdefekte des Zahns, die bei chronisch hoher Fluoridexposition in frühen Lebensjahren (bis ca. 8 Jahre) auftreten.
Aus einem Schreiben des internationalen Fluoride Action Network (FAN) aus 2015 geht hervor, dass der Anteil an US-Amerikanern mit Zahnfluorose im Jahr 1940 bei ca. 10 % lag, während es für die Jahre 2011–2012 schon auf ca. 60 % angestiegen war.
Das Aufkommen an Zahnfluorosen stieg in den letzten Jahrzehnten weltweit erheblich an, was wohl insbesondere mit der grossen Bemühung zusammenhängt, das Kariesaufkommen zu reduzieren.
In der Schweiz könnten die Zahlen ähnlich ausfallen. Da es keine aktuellen Erhebungen gibt, wird geschätzt, dass bis zu 15 % der Bevölkerung von Zahnfluorosen betroffen sind. Auch das ist noch immer ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung und die Dunkelziffer ist unklar.
Es gibt mittlerweile eine robuste Datenlage, die nahelegt, dass Fluorid erhebliche negative Auswirkungen auf den Körper haben kann. Der Hauptgrund, warum Fluorid breitflächig eingesetzt wird, ist die Kariesprävention.
Die Hauptquellen der Fluoridexposition sind vor allem Zahnbehandlungen, insbesondere das Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpasta, sowie fluoridiertes Leitungswasser. Weitere bedeutende Expositionsrouten umfassen fluoridhaltige Mineralwässer und fluoridiertes Speisesalz, das in vielen Haushalten Verwendung findet.
Die Fluoridexposition über herkömmliche Lebensmittel lässt sich kaum kontrollieren und bietet vermutlich keinen guten Ansatzpunkt, die Belastung zu verringern.
Unser Tipp: Für die meisten Menschen in der Schweiz wird Fluorid vermutlich keine relevante gesundheitliche Bedeutung haben. Insbesondere für Kinder stellt sich die Situation jedoch anders dar. Hier sollten Eltern besonders sensibel im Umgang mit Fluorid sein, vor allem im Kontext von präventiven Zahnmassnahmen.
(1) Fluoride Action Network (FAN), 2015. Submission to the National Toxicology Program: Review of fluoride for non-cancer health outcomes, including developmental neurotoxicity and endocrine disruption. Available at: https://ntp.niehs.nih.gov/sites/default/files/ntp/ohat/publiccomms/2015/fan20151106.pdf [Zugriff 2. Dezember 2024].
(2) Bai, R., Huang, Y., Wang, F., & Guo, J., 2020. Associations of fluoride exposure with sex steroid hormones among U.S. children and adolescents, NHANES 2013–2016. Environmental Pollution, 260, p.114003. doi: 10.1016/j.envpol.2020.114003.
(3) Taher et al. 2024. Systematic review of epidemiological and toxicological evidence on health effects of fluoride in drinking water. Critical Reviews in Toxicology, 54(1), pp.1–33.
(4) Filippini et al. 2020. Fluoride exposure and cognitive neurodevelopment: Systematic review and dose-response meta-analysis. Environmental Research, 179(Pt A), p.108846.
(5) Itai et al. 2021. Slightly elevated serum ionic fluoride levels inhibit insulin secretion and increase glucose levels in a general Japanese population: a cross-sectional study. Biological Trace Element Research, 199(8), pp.2819–2825.
(6) Iamandii et al. 2024. Does fluoride exposure affect thyroid function? A systematic review and dose-response meta-analysis. Environmental Research, 242, p.117759.