
Vitamine
Vitamin A: Gefährliches Halbwissen
Vitamin A wird oft missverstanden und gefährlich unterschätzt. Erfahre, warum echter Vitamin-A-Mangel die grössere Gefahr ist und wie Du es richtig dosierst.

Vitamine
Vitamin A wird oft missverstanden und gefährlich unterschätzt. Erfahre, warum echter Vitamin-A-Mangel die grössere Gefahr ist und wie Du es richtig dosierst.
Line items
Kaum ein Vitamin wird so falsch verstanden wie Vitamin A. Viele Menschen assoziieren mit Vitamin A – fachsprachlich Retinol – eine mögliche Giftwirkung.
Seltsamerweise neigen wir dazu, ein unrealistisches Szenario «nach vorne» vielfach schlimmer zu bewerten als das Gegenteil, nämlich die Passivität.
Also angenommen, 50'000 IE pro Tag – also um das 15-fache des Tagesbedarfs – über längere Zeiträume wären schädlich. Dann folgern wir prinzipiell, dass «wenig Vitamin A» förderlich für uns ist.
Wer glaubt, das sei eine zu banale Logik, der möge bitte weiterlesen – mehr dazu gleich.
Aus Vitamin A (Retinol) macht der Körper ein Hormon, die Retinsäure. Die begleitet uns seit unseren ersten Lebenstagen, schon als Embryo im Bauch unserer Mutter.
Denn die Retinsäure-Rezeptoren steuern schon da massgeblich die Entwicklung. Auch im weiteren Verlauf des Lebens reguliert Vitamin A auf diese Weise z. B. unsere Pubertät.
Ein ernstes Problem in Entwicklungsländern, wo viele, viele Kinder aufgrund eines Vitamin-A-Mangels starke Entwicklungsverzögerungen zeigen.
Aufgearbeitet haben wir die Rollen von Vitamin A im Körper in vielen Artikeln:
Leider hat sich die Behauptung durchgesetzt, «ss-Carotin sei ein sicheres Vitamin A» – manche Carotinoide, wie ss-Carotin, dienen dem Körper theoretisch als Vitamin-A-Vorstufe, daher nennt man sie auch Provitamin A.
Wir wissen heute sehr sicher, dass ss-Carotin eben keine gute Vitamin-A-Quelle für die meisten Europäer ist. Das liegt an einer Vielzahl an Mutationen (Polymorphismen) in jenem Gen, das für die Umwandlung von ss-Carotin zu Vitamin A verantwortlich ist.
Aber auch an einigen weiteren «Schwachstellen» – etwa daran, dass das Enzym sehr schnell abgesättigt ist und ss-Carotin sich nur schwer aus der pflanzlichen Matrix lösen lässt.
Ausserdem hat ss-Carotin eine Anti-Vitamin-A-Wirkung, da es die Vitamin-A-Rezeptoren blockiert. ss-Carotin macht irgendwann also genau das Gegenteil von dem, was man sich erhofft.
(Mehr dazu in unserem Ratgeber-Artikel «Vitamin A in der Schwangerschaft».)
Für Schwangere ist dieses Fehl- und Unwissen besonders tragisch. Noch immer werden wir regelmässig von verunsicherten Schwangeren kontaktiert, die sich z. B. um die 25 % NRV in unserem Mama Multi sorgen.
«Der Arzt hat gesagt…» – ja, Frauenärztinnen und Frauenärzte warnen nach wie vor «vom bösen Vitamin A». Vergessen aber meistens zu erklären, dass …
Erst 2022 konnte in einer Tierstudie gezeigt werden, dass eine «schlechte mütterliche Vitamin-A-Versorgung als Risikofaktor für die Entwicklung einer kongenitalen Zwerchfellhernie» (ein typisches Merkmal der Embryoschädigung) angesehen werden kann.
Diese Tatsache bringt uns zum Eingangsstatement: Wenn etwas in hohen Dosen in einer kritischen Phase potenziell toxisch ist, ist es unzulässig, daraus zu folgern, dass besonders wenig davon besonders schützend wirkt.
(Mehr dazu in unserem Ratgeber-Artikel «Vitamin A in der Schwangerschaft».)
Auch das treibt uns an. Es gibt einfach eine zu grosse Zahl an Ernährungsmythen, die krank machen können und die krank machen. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie man bei all der modernen Datenlage nach wie vor veraltetes, längst überholtes Wissen verbreiten kann.
Ausserdem ist es schwer zu ertragen, dass viele Menschen den Pfad des rationalen Denkens verlassen, gerade dann, wenn es besonders wichtig wäre, auf ihm zu bleiben. Also beispielsweise in der Frühschwangerschaft.
Stattdessen erhöht eine Panik- und Angst-geleitete Beratung und Falschinformation das Risiko dafür, dass etwas schief geht. Sie senkt sie eben nicht.