
Antioxidantien
Antioxidantien machen Krebs
Eine neue Studie behauptet, dass Antioxidantien wie Vitamin C das Tumorwachstum fördern. Doch was die Wissenschaft wirklich zeigt, ist deutlich differenzierter als die Schlagzeilen suggerieren.

Antioxidantien
Eine neue Studie behauptet, dass Antioxidantien wie Vitamin C das Tumorwachstum fördern. Doch was die Wissenschaft wirklich zeigt, ist deutlich differenzierter als die Schlagzeilen suggerieren.
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Die Medien- und Fachwelt scheint sich einig:
Antioxidantien bringen nix!
Es sei denn, natürlich, es geht um das Tumorwachstum. Dann wirken Antioxidantien offenbar so stark, dass sie das Krebswachstum anregen sollen.
Spätestens hier sollte ein Mensch mit normaler kognitiver Begabung verstehen, dass irgendwas nicht stimmen kann. Also wirken Antioxidantien jetzt, oder nicht?
Freilich: Antioxidantien aus der Kapsel – z. B. Vitamin C – wirken regelmässig todbringend. Aus dem Apfel soll Vitamin C, obwohl chemisch identisch, schützend wirken. Seltsam, nicht wahr?
Soeben titelt u. a. Focus online, «Studie zeigt: Die Einnahme von Vitamine-Pillen kann Ihr Krebsrisiko erhöhen». Konkret geht es um Vitamin C und N-Acetylcystein.
In einer aktuellen Studie – u. a. in-vitro aber auch an Mäusen – wurde nämlich gezeigt, dass die beiden antioxidativ wirksamen Substanzen die Gefäßneubildung in Tumoren ankurbelt. (vgl. Wang et al. 2023)
Und zwar in physiologisch kleinsten Mengen: Etwa 50 mg NAC und 100 mg Vitamin C für einen 100 kg schweren Menschen. Logischerweise liegt die Dosis dann nochmal niedriger für leichtere Menschen.
Kurzum: Schon ein Ei (viel Cystein) und eine Peperoni (viel Vitamin C) würden nach dieser Logik die Gefäßneubildung in Tumoren (deutlich?) erhöhen.
Bitte, bitte im Kontext verstehen: Erst 2022 konnte die höchste medizinische Evidenzstufe (Umbrella Review) zeigen, dass mehr (nicht weniger) Vitamin C eine erhebliche Schutzwirkung gegen Krebs hat. (vgl. Chen et al. 2022)
Doch wie soll das konkret funktionieren? Die Forscher haben ein in Zellen vorkommendes Protein (BACH1) entdeckt, das ansteigt, wenn die Zelle weniger freie Radikale bildet.
Antioxidantien würden freie Radikale senken und BACH1 erhöhen. BACH1 wiederum fördert die Gefäßneubildung, dummerweise auch in Tumorzellen.
Moment mal: Freie Radikale… ja, genau. Das sind genau diese kleinen Elektronenräuber, die Zellstrukturen zerstören, weshalb Zellen über ein immenses Schutzrepertoire verfügen, um sie zu entschärfen.
Auch über die Nahrung nehmen wir natürlicherweise viele Schutzstoffe (Antioxidantien) auf und auch Kaffee, Tee und Co. erhöhen die Fähigkeit von Zellen, sich vor freien Radikalen zu schützen.
Ferner weiss man seit Jahrzehnten, dass der Körper langsamer altert, wenn er sich besser vor diesem oxidativen Stress, verursacht durch freie Radikale, schützen kann – unter anderem deshalb, weil diese Radikale auch die Mutationsbildung in Zellen fördern und so das Krebsrisiko erhöhen!
Wie passt das zusammen? Nun, dazu muss man beispielsweise eine Studie der gleichen Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2019 kennen. Die wurde immerhin im renommierten Fachmagazin Cell publiziert. (vgl. Wiel et al. 2019)
Damals hatten sie gezeigt, dass hochdosiertes Vitamin E und NAC zwar die Tumorlast nicht zu erhöhen scheint, aber die Metastasen vom Lungenkrebs ‹fitter› macht.
In der Studie steht das Vorgehen mehr oder weniger genau beschrieben.
Die chinesischen Forscher nutzen für ihre Studien spezielle Mäusestämme, bei denen Tumore nicht nur extrem schnell wachsen, sondern bei denen auch das wichtigste Antitumorprotein p53 per Knopfdruck ausgeschaltet werden kann.
Diese Tiere sind so anfällig für Krebs, dass man sie oft töten muss, bevor der Tumor überhaupt nennenswert streuen (metastasieren) kann.
In einigen Versuchsreihen werden den Mäusen auch direkt modifizierte Tumorzellen gespritzt, um die Wirkung von Antioxidantien zu verstehen – dabei werden wichtige Kontrollschritte des Körpers umgangen.
Unterm Strich zeigen die Wissenschaftler in ihren Versuchen im Wesentlichen, dass sowohl exogene Antioxidantien als auch endogen gebildete Antioxidantien – die z. B. nach Konsum von Kaffee, Tee, Gemüse und Co. ansteigen –, die Tumorprogression ungünstig beeinflussen könnten.
Es geht also, wenn überhaupt, nicht mal nur um Vitamin C oder Vitamin E oder NAC, die ja grundsätzlich nur wirken, wenn's um was Böses geht.
Es ginge, sollten die Ergebnisse von Relevanz sein, konkret um alles was freie Radikale in den Zellen senkt. Das wird freilich gekonnt verschwiegen.
Ausserdem lag das Hauptaugenmerk der Forschung nicht auf den Antioxidantien. Ein Grosssteil der Versuche befasste sich mit der Rolle von BACH1 und wie man es medikamentös abschalten könnte.
Das, was Medien davon extrahieren, ist ein kleiner Bruchteil einer riesigen und komplexen Versuchsreihe, deren Ergebnisse möglicherweise wenig bis gar keine Relevanz für den Alltag von Menschen haben.
Die Welt steht wieder einmal Kopf – vielleicht absichtlich. Denn natürlich leben wir in einer Gesellschaft, die nicht gerade in Antioxidantien und gesunder Ernährung badet. Bei uns ist Kaffee(!) mit Abstand der wichtigste Antioxidantienlieferant – was für eine traurige Tatsache!
Und unserer kranken Gesellschaft möchte wieder einmal suggeriert werden, dass es besser ist, krank zu bleiben. Denn proaktiv etwas zu tun, macht ja offenbar noch kränker.
Dass dahinter ggf. ein Forschungsschwerpunkt, Schlagzeilen, viele Forschungsgelder fürs Labor oder ganz simpel Ruhm und Anerkennung stecken könnten, davon ahnt der normale Mensch nix. ;-)
Der glaubt lieber den verkürzenden Schlagzeilen und erkrankt mit einer Wahrscheinlichkeit von ohnehin fast 50 % an Krebs. Aber freilich nicht wegen der Vitamin-C-Kapsel.