Omega-3 machen Vorhofflimmern?
Schade, dass Menschen sich immer «verunsichern lassen». Seit es edubily gibt, schreiben uns Menschen genau diese zwei Wörter in einem Satz verbaut. Ein bisschen triggert uns das nach all den Jahren schon. Denn: Wieso lassen sich Menschen jedes Mal aufs Neue «verunsichern»? Was ist los? Trauen die sich so wenig zu? Ihrem eigenen Kopf, ihrem persönlichen Denk- und Urteilsvermögen? Was ist da los? Wieso muss man sich hier verunsichern und dort (oft bei uns) wieder den Glauben stärken lassen?
Schickt uns also eine Followerin bei Instagram einen Zeitungsartikel über Omega-3 und Vorhofflimmern. Referenziert wird eine Meta-Analyse, basierend auf sieben Studien, die zum Schluss kommt, dass die Omega-3-Gabe von >1 g mit erhöhtem Aufkommen von Vorhofflimmern (eine Herzrhythmusstörung) um 50 % assoziiert ist. Auch darunter war Omega-3 schon mit Vorhofflimmern assoziiert, allerdings fiel der Prozentsatz dann geringer aus.
Als jemand, der schon lange dabei ist... «liebt» man solche Meta-Analysen. Die riesigen Datensätze werden so aufbereitet, dass die Autoren am Ende selbst nicht mehr wissen, was sie da eigentlich untersucht haben. Nennt sich dann Epidemiologie. Die klappt meistens besonders gut, wenn man einen wirklich starken Effekt sauber rauskristallisieren will. Also, wenn man z. B. zeigen möchte, dass Raucher ein stark erhöhtes Risiko für Lungenkrebs haben. Bewiesen. Das würde niemand mehr anzweifeln.
Aber... >1 g Omega-3 sollen bisweilen tödliche Herzrhythmusstörungen machen? Also eine Fettsäure, von der man bis vor einigen Jahren noch zeigen wollte, dass sie ebendies verhindert? Eine Fettsäure, die – nach gängiger Mediziner-Auffassung – quasi gar nix im Körper bewirkt, soll jetzt also so stark wirken, dass sie Leute umbringt? Das klingt völlig Banane, nicht wahr?
Ein Blick in die Studie zeigt, dass die zwar über 4'000 Datensätze gesichtet, aber nur sieben (grössere) Studien ausgewählt haben – und, dass das Durchschnittsalter der Probanden so 65 Jahre war. Die Instagram-Followerin ist dem Profilbild zufolge... vielleicht halb so alt. Und ihre Freunde, die ob dieser Ergebnisse in Panik geraten waren, sicher auch. Wissen die denn nicht, dass man Vorhofflimmern nicht einfach so bekommt?
Die Liste der Risikofaktoren ist altersassoziiert und lang: Bluthochdruck und Herzklappenerkrankungen, Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, Kardiomyopathie und angeborene Herzerkrankungen. Zu den lungenbezogenen Risikofaktoren gehören COPD, Fettleibigkeit und Schlafapnoe. Weitere Risikofaktoren sind übermässiger Alkoholkonsum, Tabakrauchen, Diabetes mellitus und Thyreotoxikose. Und dann spielt freilich die Genetik noch eine Rolle. Präventiv wirken: eine gesunde Lebensweise, wie z. B. Gewichtsabnahme bei Übergewichtigen, mehr körperliche Aktivität und weniger Alkoholkonsum. Aha.
Die meisten Unter-50-jährigen haben mit Vorhofflimmern quasi gar nix zu tun, das Aufkommen beträgt unter 0,1 %. Bist du älter als 60, kriegen es schon 4 %. Schaut man sich vor dem Hintergrund dieser Zahlen mal die genannten Frequenzen in der Studie an, fällt auf: Fünf der sieben Studien zeigen ein Aufkommen von Vorhofflimmern im Zusammenhang mit Omega-3 von unter 1 %. Nur zwei erreichen die alterstypischen 3–4 %. Vorhofflimmern wird in den Studien also seltener beobachtet als sonst. Aus diesem Zahlenwirrwarr will man dann ableiten, dass Omega-3 Vorhofflimmern begünstigen. Wie hoch die absolute Zahl an Risikozugewinn ist, wenn die hypothetischen 50 % bei solch geringen Zahlen obendrauf kommen, kann sich jeder selbst ausmalen.
Wichtigste Notiz bleibt: Hier hat man nicht gemessen. Man weiss also weder etwas über die Omega-3-Spiegel zu Beginn («baseline»), noch während der Intervention, noch über die Spiegel am Ende der Intervention, und man weiss nicht mal etwas über die Spiegel, wenn Leute dann tatsächlich mit Vorhofflimmern ins Spital kommen. Das wiederum hat man vor zehn Jahren in der «Cardiovascular Health Study» an 3'300 Amerikanern, beobachtet über einen Zeitraum von 14 Jahren, gemacht. Prompt war das Ergebnis:
«Bei älteren Erwachsenen waren höhere Blutspiegel an langkettigen n-3-PUFA und Docosahexaensäure mit einem geringeren Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern (−30 %) verbunden.»
Thema eigentlich abgehakt, oder? Nein, nein. Im gleichen Jahr erschien doch tatsächlich noch eine weitere Meta-Analyse mit noch schmalerer, aber quasi gleicher Datenauswahl, die «klarstellt»: Omega-3 macht Vorhofflimmern. Aber nur bei Menschen mit erhöhten Triglyceriden und erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wohlgemerkt: Omega-3 gibt man üblicherweise hochdosiert, weil es die Triglyceride stark senkt.
Also was bleibt? Wie so oft: Bist du gesund, betreibst du Prävention ... oder willst du wieder gesund werden, dann ist Omega-3 selbstverständlich gut und in adäquaten Dosen (1–2 g pro Tag) ein entscheidender Baustein. Natürlich. Bestandteil eines jeden gesunden Lebensstils. Am besten, wenn man es mit Fisch zuführt, weil da eben noch Iod, Selen, Taurin und Co. dabei sind. Kleiner Unterschied.
Bist du aber schon (herz-)krank ... und willst es bleiben, gehst also zum Arzt und lässt dir etwas verschreiben, z. B. Omega-3 hochdosiert – neben weiteren Medikamenten –, ja dann ... landest du vielleicht mit Vorhofflimmern im Spital. Dann ist es eh zu spät. Und genau auf diesem Level entstehen solche Resultate, mit 0,0 Relevanz für die meisten von uns.
Wir hoffen, das beruhigt. Alles rund um Omega-3-Spiegel mit Blick auf Gesundheit gibt's hier.