
Ernährung
Pflanzenproteine sind gesünder … oder?
Neue Forschung widerlegt den Mythos, dass Pflanzenproteine gesünder sind. Eine 20-Jahres-Studie aus Italien zeigt: Tierisches Protein senkt bei älteren Menschen die Sterblichkeit deutlich.

Ernährung
Neue Forschung widerlegt den Mythos, dass Pflanzenproteine gesünder sind. Eine 20-Jahres-Studie aus Italien zeigt: Tierisches Protein senkt bei älteren Menschen die Sterblichkeit deutlich.
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Immer wieder liest man, Pflanzenproteine seien gesünder als tierisches Protein. Dafür gibt es natürlich keine Belege, ausser möglicherweise Epidemiologie. Die unterscheidet bekanntermaßen aber kaum zwischen Hotdog-Würstchen («tierisches Protein», hochverarbeitet) und Linsen («pflanzliches Protein», unverarbeitet).
Natürlich enthalten z. B. hochverarbeitete Würstchen ein höheres Maß an Fetten, Cholesterin, vielen Zusatzstoffen, viel Salz usw. – Faktoren, die kranke Menschen noch kränker machen können. Und Linsen wären ein gutes Beispiel für einen guten Ballaststoff-, Kupfer-, Mangan-Lieferanten. Natürlich ist das ein ziemlich unzulässiger Apfel-Birnen-Vergleich.
Auch sind pflanzliche Proteine oft sehr reich an Arginin. Kennen wir: Aus Arginin macht der Körper NO, was nicht nur die Gefässe gesund hält, sondern auch die Immunfunktion und viele andere Aspekte. Niemand hat etwas gegen diese Art der pflanzlichen Proteine.
Auf der anderen Seite liefern sog. tierische Proteine die volle Bandbreite an Nährstoffreichtum: Hämeisen, komplexiertes Zink, Taurin, CLA, Cholin, Carnitin, Kreatin, höchst bioverfügbares, vollständiges Eiweiss, weil ideale Aminosäurenkomposition und viele mehr.
Das alles kann man von pflanzlichem Protein nicht erwarten. Hier sind weitaus weniger essentielle Aminosäuren enthalten (kann man durch Kombination ausgleichen), die Verdaubarkeit ist extrem viel schlechter (s. DIAA-Score) und pflanzliche Proteine enthalten eben kein Carnitin und Co.
Ideal wäre also eher kein Entweder-oder, sondern die Kombination aus beiden Welten.
Ende 2022 erschien die InCHIANTI-Study. In dieser prospektiven Kohortenstudie aus Italien (Toskana), hat man 1139 in der Gemeinschaft lebende ältere Erwachsene (Alter im Schnitt: 75 Jahre) 20 Jahre lang beobachtet. Ziel: Die Auswirkungen von tierischem vs. pflanzlichem Protein auf die Gesamtsterblichkeit, das Risiko für Krebs und Herzkreislauferkrankungen zu untersuchen.
Und prompt steht die Glaubenswelt der Forscher auf dem Kopf:
«Entgegen unserer ursprünglichen Hypothese, lässt sich sagen, dass die Zufuhr von tierischem Protein umgekehrt mit der Gesamtmortalität und der kardiovaskulären Mortalität bei älteren Erwachsenen verbunden war.»
Die Forscher hatten also das Gegenteil erwartet. Die dachten, pflanzliches Protein schütze vor Sterblichkeit und Herzkreislauferkrankungen. In dieser Studie konnte aber nur tierisches Protein überzeugen, sprich einen messbaren Unterschied hervorrufen.
Je weniger diese älteren Menschen sich an die «Regeln» der mediterranen Ernährung gehalten hatten, also je «tendenziell mehr Fleisch und Milchprodukte, Fisch und Meeresfrüchte sowie weniger Obst, Getreide und Alkohol konsumiert» wurden, umso höher war tendenziell auch die Gesamtproteinzufuhr und umso geringer war die Gesamtsterblichkeit und das Risiko für Herzkreislauferkrankungen.
(In der Studie starben nur relativ wenige Menschen an Krebs, weshalb die Aussagekraft hier lt. Autoren limitiert sei.)
Wichtig: «Pflanzliches Protein» stammte hier vorwiegend aus Getreide (Gluten) und nur zu 5 % aus Hülsenfrüchten. Eine höhere Zufuhr von Protein aus ebendiesen Hülsenfrüchten könnte nochmal einen Unterschied machen.
Auf der anderen Seite zeigt die Studie paradoxerweise, dass gerade älteren Menschen mehr tierisches Protein – in dieser Studie: mehr Milchprodukte und rotes Fleisch – im Vergleich zu Getreide offenbar sehr guttut. Weniger Getreide und mehr tierische Produkte senken die Sterblichkeit in dieser Kohorte enorm.
Ein einleuchtendes Kredo, das auch bei uns viel Berücksichtigung findet: Lieber ein Ei mehr und dafür eine Scheibe Brot weniger. Deckt sich mit wesentlichen Erkenntnissen der Wissenschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Die Forscher glauben, dass «ein erhöhter Verzehr von tierischem Eiweiss durch seine schützende Wirkung auf Muskelkraft, Gebrechlichkeit, Sarkopenie oder Immunreaktionen mit der Sterblichkeit älterer Erwachsener in umgekehrtem Zusammenhang stehen könnte.» Das sei in anderen Studien bereits gezeigt worden.
Und so gilt auch für dieses Beispiel wieder einmal: Je genauer man hinsieht, umso differenzierter wird es. Das ist genau das Gegenteil von dem, was heute – man muss schon sagen – getrieben wird. Pauschale Aussagen helfen nicht.
Im Zuge der Debatte um «tierisches vs. pflanzliches Protein» werden die einfachsten Regeln einer gesunden Ernährung vergessen. So eine Regel ist: Du brauchst – speziell im Alter! – höchstwertiges, einfach verdaubares Protein. Wenn on top dann auch noch funktionelle «bioactive compounds» wie Carnitin und Taurin kommen, sinkt offenbar auch die Sterblichkeit enorm.
Wäre es unterlassene Hilfeleistung, im Zuge einer quasi-veganen «Planetary Health Diet», diesen Menschen ihr tierisches Protein wegzunehmen? Ideologie würde in diesem Fall töten. Ganz ernst gemeint.