Wenn «nicht so gut» doch manchmal «sehr gut» ist
Manchmal ist die Biologie ein bisschen paradox. Das möchten wir heute mal kurz erklären.
Als die Wissenschaft damals noch nicht so ausgereift war, also etwa vor 100 Jahren oder so, wollte man natürlich auch schon Versuche an Ratten durchführen. Was heisst «man wollte» – natürlich hat man es getan.
Damals aber war alles noch nicht so standardisiert wie heute. Heisst: Wissenschaftler wussten damals beispielsweise nur sehr wenig über den Mikronährstoffbedarf der Versuchstiere Bescheid.
Drum kam es zu «Zufallsentdeckungen»: Wissenschaftler fanden beispielsweise heraus, dass man Versuchstiere ohne die Zugabe von B-Vitaminen einfach nicht dick machen kann. Umgekehrt wurden die Tiere natürlich krank und litten auch unter massiver Appetitlosigkeit.
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde deshalb auch in der breiteren Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, dass nährstoffreiche Ergänzungsmittel (z. B. eisenreiche Hefe) dabei helfen, den Appetit anzuregen und «Kurven zu bekommen».
Ähnlich paradox ist der Inhalt eines Artikels der Financial Post. Thema ist die neue Netflix-Serie «Chernobyl». Zugegeben: Wer die Serie mal kurz geschaut hat, wird ein bisschen erschrecken. Denn die gesundheitlichen Folgen dieser Katastrophe waren zum Teil von der ganzen üblen Sorte.
Oder doch nicht? Jedenfalls zitiert der Artikel Studien, die zeigen: Wer «ein bisschen Strahlung» abbekommen hat, war statistisch betrachtet sogar eher geschützt vor einigen Krebserkrankungen.
Wie geht das? Nun, das Konzept nennt sich Hormesis. Kurz gesagt: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.» Eine Giftladung lässt förderliche Anpassungen im Körper entstehen, die letztlich protektiv sind.
Warum «nicht so gut» mit Blick auf gewisse gesundheitliche Endpunkte manchmal sogar besser ist, lässt sich anhand einer neuen Selen-Studie zeigen. Dort fanden Wissenschaftler überraschenderweise heraus, dass eine dauerhafte Selenunterversorgung die Lebensspanne der Tiere sogar verlängert, zeitgleich aber die Gesundheit der Tiere beeinträchtigt.
Paradox, nicht wahr? Eine gute Selenversorgung macht zwar gesünder – eine mangelhafte Selenversorgung aber sorgt via Hormesis dafür, dass Tiere länger leben ... trotz schlechterer Gesundheit.
Das erinnert mich an gewisse Studien und an die Frage, was «Gesundheit» eigentlich ist. Denn was nützt beispielsweise ein «gesunder» BMI, wenn die Libido nicht stimmt oder die Haare ausfallen? Kann man dann immer noch von «toller Gesundheit» sprechen? Was nützt ein langes Leben, wenn der Organismus zwar zäh ist, das Leben aber keinen Spass macht?
Manchmal ist «nicht so gut» für bestimmte Anlässe eben total gut. Veganismus als Beispiel ist – auch wenn das viele nicht hören wollen – eine Mangelernährung, selbst mit Ergänzung. Jeder scheint damit ganz toll abzunehmen ... und meldet sich dann nach einigen Monaten mit:
Ich habe Haarausfall, an was kann das liegen?
Gesund, aber doch nicht so gesund. Oder mal ein bisschen weiter gefasst und aufs Leben übertragen.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt – aber es glänzt! Immerhin :-)